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84 Millionen Menschen suchen keine Informationen

Warum wir uns gerade alle am digitalen Lagerfeuer versammeln und was passiert, wenn das Sicherheitsnetz der Institutionen reißt.

Mit Midjourney generiert

Heute im Newsletter

  • Der 84-Millionen-Moment rund um Matt Shumer’s Essay und was er über kollektive Unsicherheit, fehlende Orientierung und Ambiguitätstoleranz verrät.

  • Ein Prompt, der die verborgenen Grundannahmen hinter viralen KI-Debatten sichtbar macht.

  • Rabbit Holes, neue Podcastfolgen, AI Retreat 2026 und das nächste Claude Code Meetup.

Letzte Woche hat Matt Shumers Essay "Something Big Is Happening" 84 Millionen Views auf X erreicht. Das Internet streitet seitdem, ob er Prophet oder Panikmacher ist.

Ganz ehrlich, ich finde die Debatte zweitrangig. Viel spannender ist die Zahl: 84 Millionen.

Shumer hat nichts fundamental Neues geschrieben. Er hat lediglich benannt, was Millionen Menschen bereits fühlen, aber wofür sie noch keine Worte hatten. Er nennt es den "Februar 2020-Moment", dieses seltsame, stille Fenster, in dem die Zeichen eigentlich glasklar sind, aber noch niemand die Koffer gepackt hat.

In der KI Welt spüren wir, dass KI gerade die Schwelle vom "hilfreichen Assistenten" zum "autonomen Finisher" überschritten hat. Und das löst ein mentales Schleudertrauma aus.

Warum wir zurück ins "Dorf" gehen

Wenn wir Dinge allein nicht mehr einordnen können, versammeln wir das Dorf. Wir leiten Essays an die Familien-WhatsApp Gruppe weiter, diskutieren beim Abendessen und schicken Links mit einem kurzen "Was denkst du?" an sein KI Tribe.

Es ist die moderne Version davon, am Lagerfeuer zu sitzen und einen herannahenden Sturm zu verarbeiten, den kein Ältester je zuvor gesehen hat.

Das Problem: Unsere Institutionen – Unis, Konzerne, Regierungen – sind zu langsam. Es gibt keinen Lehrplan für diesen Übergang. Kein Ritual für den Moment, in dem das eigene Skillset innerhalb von Monaten entwertet wird. Also machen wir es peer-to-peer. Wir suchen in LinkedIn Threads nicht nach Fakten, sondern nach der Erleichterung: Gott sei Dank, jemand anderes sieht das auch.

Das Sicherheitsnetz ist eine Illusion

Anthropic CEO Dario Amodei sagte kürzlich, dass diese Transformation in "niedrigen einstelligen Jahreszahlen" abläuft.

Früher dauerte der Wechsel vom Acker in die Fabrik Generationen. Man hatte Zeit, sich anzupassen. Heute trifft die Disruption Recht, Medizin, Finanzen und Coding gleichzeitig. Innerhalb weniger Jahre.

"My worry here is that the normal adaptive mechanisms will be overwhelmed. And I'm not a doomer."

Dario Amodei

Das bedeutet: Die Uni wird dich nicht schnell genug umschulen. Die Politik wird das Fundament nicht rechtzeitig gießen. und die meisten L&D-Abteilung der Unternehmen versuchen wahrscheinlich immer noch herauszufinden, wie man Copilot benutzt...

Der implizite Deal war: Arbeite hart und das System kommt dir auf halbem Weg entgegen. Aber was passiert, wenn sich der Boden schneller verschiebt, als irgendjemand die Karte neu zeichnen kann?

The messy middle: Ambiguitätstoleranz

Der aktuelle Diskurs zwingt uns in zwei Lager: Doomer oder Leugner. Ich finde beides nicht passend.

Die einzige Position, die ich als Selbstständige, Mutter und jemand, die jeden Tag mit KI arbeitet halten kann, ist die unbequeme Mitte. Ich bin gleichzeitig fasziniert von dem, was möglich ist und erschrocken darüber, wie autonom das System bereits agiert.
🤯 trifft es viel besser.

Es gibt ein wunderbares deutsches Wort für die Haltung, die dieser Moment verlangt: Ambiguitätstoleranz. Natürlich gibt es das. Während der Rest der Welt noch panisch nach Antworten sucht, haben wir das Problem bereits kategorisiert, laminiert und in ein 19-buchstabiges Wortungetüm gepresst. Es ist die mentale Stoßdämpfer-Federung, die man braucht, wenn man gleichzeitig begeistert und verängstigt ist, ohne dass das System abstürzt.

Was ich meinem Sohn sage

Ich habe Shumers Artikel an meinen Sohn geschickt. Er studiert gerade und, wer weiß, ob und was davon in fünf Jahren überhaupt noch relevant sein wird. Ganz zu schweigen von der Krise mit den Einstiegsjob. Mein einziger Rat an ihn:

Folge deiner Neugier, nicht Titeln. Baue und kreiere Dinge. Sammle Erfahrungen.

In einer Welt, in der KI einen Grossteil von digitalen Artefakte über Nacht generieren kann, wird die gelebte Erfahrung zu deinem einzigen Burggraben. Ich kann meinen Kindern keine Karte für ein Terrain geben, das noch nicht existiert. Aber ich kann ihnen helfen, die Fähigkeit aufzubauen, ohne Karte zu navigieren.

Die Menschen, die in dieser neuen Welt aufblühen, werden diejenigen sein, die gelernt haben, im Nebel zu tanzen.

Doch das ist nur die individuelle Antwort. Die kollektive ist weitaus schwieriger.

Wenn 84 Millionen Menschen jemanden im Internet brauchen, der ihnen benennt, was sie tief im Inneren längst fühlen: Was sagt das eigentlich über all die Dinge aus, die wir uns im echten Leben noch nicht trauen, einander zu sagen?

Prompt Tipp

Diskurse besser verstehen statt nur Meinungen sammeln.
Passend zum Thema legt dieser Prompt drei prägende Grundannahmen eines Themas frei, mit Herkunft, Zweck und neuen offenen Fragen.

Analysiere den aktuellen Diskurs rund um [z.B. den Artikel von Matt Shumer “Something Big Is Happening”]. Identifiziere drei weit verbreitete Annahmen, die prägen, wie dieses Thema heute diskutiert oder in der Praxis verstanden wird.

Für jede dieser Annahmen:

  1. Zeichne nach, wie sie entstanden ist, einschließlich historischer, regulatorischer, ökonomischer oder kultureller Einflüsse.

  2. Erläutere, welches Problem sie ursprünglich lösen sollte.

  3. Beschreibe, warum sie weiterhin Bestand hat und in welchen Kontexten sie sich als nützlich erwiesen hat.

  4. Benenne Fragen, die Praktiker:innen inzwischen stellen, da sich die Rahmenbedingungen verändern.

Ziel ist es, die Herkunft heutiger Denkmuster zu verstehen, um fundierter und reflektierter an der laufenden Diskussion teilnehmen zu können.

  • Friction Maxxing: der neue Hype aus dem Silicon Valley predigt bewusste Langsamkeit: Statt effizienter zu werden, sollen wir absichtlich Reibung in unseren Alltag einbauen – durch analoge Notizbücher, Handy-Safes und bewusstes Warten. Die Idee: Mehr Pause = mehr emotionale Intelligenz. Klingt nach dem perfekten Gegengift zur KI-Beschleunigung.

  • Panik oder Perspektive? Matt Shumers viraler Post prophezeit, dass KI in 1–5 Jahren 50% aller Bürojobs ersetzt – Ann Handley hält mit einer klugen Gegenanalyse dagegen: Wer ein KI-Unternehmen führt, glaubt natürlich an die Revolution – aber zwischen "funktioniert in der Demo" und "ersetzt die Hälfte aller Jobs" liegt ein Ozean. Ihr Kernsatz: Wenn Geschwindigkeit billig wird, steigt der Wert von Urteilsvermögen. Lässt du dich vom Tempo-Hype treiben – oder fragst du, welches Rennen du überhaupt laufen willst?

  • 5 Handlungsempfehlungen für einen achtsamen Umgang mit KI: Mein kleiner Beitrag ganz analog und gedruckt im neuen TWELVE Magazine (House of Communication)

AI Retreat: Sonnenaufgang auf dem Hörnle, Bad Kohlgrub

AI Retreat 2026: Termine und Plätze

Wir sind inzwischen 60(!) Menschen in der AI Retreat Community. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und auch mit ein bisschen Stolz 💜 Danke euch allen!

Ein kurzer Blick auf die letzten beiden Retreats im Januar und Februar. Zwischen Deep-Tech und Deep-Talk ist ganz schön viel passiert in den Tagen. Hier ein kleiner Themenauszug:

KI Themen: Prompting, KI Assistenten in jeglichen Formen und Varianten, Workflows mit Langdock und Make, Vibe-Coding von eigenen Mini-Apps und Präsentationen, Claude Cowork, Second Brain mit Claude Code & Obsidian, uvm.

Rahmenprogramm: KI Schnitzeljagd, Use Case Wanderung, Eisbaden, Journaling, Breathwork, viel Bewegung, Pilates, Meditations-Walk, Deep Talk am Lagerfeuer, 6 Uhr morgens Bergwanderung mit Sonnenaufgang, Sketchnote Session und ganz viel leckeres vegetarisches Bio-Essen.

Mehr Eindrücke findest du auf Instagram in den Story-Highlights.

Es gibt für 2026 nur noch 15 Plätze:

  • 15. - 17. Mai 2026

  • 16. - 18. Oktober 2026

Bis 28. Februar gilt noch der Early-Bird-Preis von 1.450 € zzgl. MwSt., danach 1.750 € zzgl. MwSt.

Im Preis enthalten: 3-Tage-Programm, Arbeitsmaterialien, Community-Zugang, Mittagessen, 3-Gänge-Bio-Dinner und Getränke während des Programms. Du erhältst eine offizielle Weiterbildungsrechnung.
Viele Teilnehmende nutzen dafür ihr persönliches Weiterbildungsbudget im Unternehmen.

Unterkunft im Bio-Hotel Seinz: 295 € für 2 Nächte inkl. Frühstück.

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Insanely Human Podcast

Stefanie Krüll über Midjourney-Obsession und Tool-Untreue, warum Raw Mode und niedriger Style-Wert echte Personen retten und weshalb sich der Bild-Stack gerade leise, aber radikal verschiebt.

Florian Steiner über Claude Code als Avengers-Team aus Subagenten, Produktbau vom Laptop statt 25.000-Euro-Budget und warum Ownership bleibt, auch wenn KI für dich debuggt.

James Meaden (englisch) über kognitive Flexibilität statt Prompt-Optimierung und warum die KI-Revolution uns zwingt, wieder menschlicher zu werden.

Zu hören bei Spotify und Apple Podcast

Ich war zu Gast bei:

Imke Leith - Unshaken über KI als Alltagsmacht statt 9-to-5-Tool, warum „Never prompt alone“ vor Überforderung schützt.

The Alive Conversations (englisch) über die menschliche Seite von KI-Adoption.

Claude Code Meetup

Vielleicht sehen wir uns ja beim nächsten Claude Code Meetup in München? Ach ja, das organisiere ich jetzt auch noch 😅

Nächstes Meetup: Mo, 23. Februar 2026
Anmeldung: https://luma.com/nlfxyfut

Die Winterpause ist vorbei und die Newsletter kommen jetzt wieder regelmäßger. Versprochen.

Bleibt neugierig (und im Gespräch),

Eure - Insanely human - Steffi

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